Wir können alles außer Hochkultur - Das Stammland der Musik gerät aus dem Takt

Etwa 8 Millionen Menschen in Deutschland singen oder musizieren in ihrer Freizeit. Dabei entfallen allein auf Baden-Württemberg bereits 18 Prozent, also knapp 1,5 Millionen Menschen. „Die Vereinigungen der Laienmusik gehen nicht nur einem schönen Hobby nach, sondern sie nehmen auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahr. Chöre und Orchester bringen Menschen zusammen - Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen, aus allen Altersgruppen und verschiedenen Gesellschaftsschichten“, erklärte der zuständige Staatssekretär Jürgen Walter noch am 22. Juni 2013 anlässlich der Verleihung der Conradin-Kreutzer-Tafel für  mindestens 150-jähriges Engagement von Musikvereinigungen. Nirgendwo in Deutschland ist die Tradition des bürgerlichen Laienmusizierens älter als in Baden und Württemberg“, hob der Staatssekretär hervor. Die Laienmusik bilde die solide Basis, auf der sich die Spitzenkunst entfalten könne, so Jürgen Walter, und liegt damit auf einer Linie mit Ernst Burgbacher MdB, dem Präsidenten der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände, der Dachorganisation des instrumentalen Laienmusizierens in Deutschland, welcher diese Tatsache mit der griffigen Formulierung „ohne Breite keine Spitze“ auf den Punkt bringt.

 

 

So stellte Baden-Württemberg z.B. in den letzten Jahren die meisten Bundespreisträger (38%!) im Wettbewerb „Jugend musiziert“, über 20 Prozent aller kommunalen Musikschulen Deutschlands befinden sich in Baden-Württemberg und nahezu 40 Gymnasien bieten ein Musikprofil an. Das Bundesland verfügt momentan über 5 Musikhochschulen, auch dies ein bundesweiter Spitzenwert, welcher der herausragenden Stellung gerecht wird und nicht als unverhältnismäßig zu werten ist.

 

Doch Baden-Württemberg möchte aus dem Landesmotto man könne alles, neben Hochdeutsch allem Anschein nach zusätzlich die Hochkultur und damit indirekt die Breitenkultur ausklammern. Neben der beabsichtigen Schließung des SWR-Orchesters Freiburg sowie der Überlegung das Landespolizeiorchester zu schließen, soll nun in Trossingen die bundesweit einzige Musikhochschule im ländlichen Raum geschlossen werden - denn genau darauf laufen die aktuellen Absichten mittelfristig hinaus. Mit dem Verlust dieses kulturellen Leuchtturms im ländlichen Raum wird auch dem Laienmusizieren ein unerwarteter und schwerer Schlag versetzt.

 

Dabei folgt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst bei der Umsetzung der Sparvorgaben nicht dem Landesrechnungshof, welcher deutlich empfiehlt alle fünf bestehenden Standorte bestehen zu lassen. Insbesondere der Musikhochschule Trossingen wird zudem eine vorbildliche Effizienz in der Mittelverwendung. bescheinigt. Der Landesrechnungshof stellte hier die geringsten Kosten pro Studienplatz fest.

Laut Ministerin Theresia Bauer soll am Standort Trossingen in Anlehnung an das Konzept der „Villa Musica Rheinland-Pfalz“ eine Musikhochschulakademie entstehen, welche insbesondere in der vorlesungsfreien Zeit aber auch während des Regelbetriebes für Proben, Kursfahrten und Meisterkurse zur Verfügung stehen soll. Die Villa Musica verfügt dabei allerdings über 90 Betten und 10 Probenräume, welche parallel dazu in einen hochwertigen Hotel- und Tagungsbetrieb eingebettet sind. In Trossingen gibt es bisher keinerlei vergleichbare Strukturen im Umfeld der Musikhochschule. Diese müssten hierfür also extra geschaffen werden und dürften deutliche Mehrkosten - gerade auch im laufenden Betrieb - verursachen. In Trossingen befindet sich allerdings die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung, welche seit ihrer Gründung 1973 auch durch das Land getragen und aktuell gründlich ausgebaut und aufgewertet wird. Eine zusätzliche Akademie in unmittelbarer Nähe zu errichten erscheint daher nicht nur auf den ersten Blick widersprüchlich.

Die Studenten der Musikhochschulen Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart sollen nach den veröffentlichten Plänen in Zukunft für das Angebot der Ergänzungsinstrumenten vor allem der Alten Musik - namentlich werden „Barockvioline, Hammerklavier etc., aber auch Wagner-Tube o.ä.“ genannt - nach Trossingen reisen. Bei einer durchschnittlichen Reisedauer von über zwei Stunden für die einfache Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist dies wahrlich kein attraktives Angebot und konterkariert die mit Einsparungen beabsichtigten „Weiterentwicklungen“. Darüber hinaus ist fraglich, ob ein solcher Reiseaufwand während des regulären Semesterbetriebes von den Studierenden überhaupt verlangt werden kann.

Selbst wenn die veröffentlichen Pläne zur „Weiterentwicklung“ das Lehramtsstudium nicht antasten, so wird bei näherer Betrachtung die musikalische Qualität und Vielfalt der Lehre bei den zu erwartenden Größenordnungen nicht aufrecht zu erhalten sein. International berühmte Hochschulprofessoren werden nicht in Trossingen bleiben, wenn sie nicht mit Hauptfachstudenten auf allerhöchsten Niveau arbeiten können. Die verbleibenden Lehramtsstudierenden werden durch eine zweitklassige Ausbildungsstätte sicherlich nicht in großen Scharen herbeiströmen, so dass sich in wenigen Jahren zwangsläufig die Frage der Schließung stellen wird.

Trossingen verfügt (noch) über die einzige Musikhochschule im ländlichen Raum, welcher in Baden-Württemberg immerhin 70 Prozent der Landesfläche und 35 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz konstatiert treffend, dass insbesondere die Abwanderung junger Menschen in die Ballungsgebiete Handwerksbetriebe, Arztpraxen, Banken, den ÖPNV und andere Bereiche der ländlichen Infrastruktur sehr bald mit der Frage der Auslastung und Rentabilität konfrontieren wird. Die Schließung der Musikhochschule hätte allerdings genau diese Abwanderung zur Folge.

Seit Jahrzehnten löst die Musikhochschule Trossingen außerdem mit unzähligen Konzert- und Opernaufführungen den Anspruch auf Hochkultur in der Fläche ein – vom Schwarzwald über Oberschwaben bis hin zum Bodensee. Zukünftige Abschlusskonzerte der Musikhochschulakademie dürften wohl ausschließlich in Trossingen stattfinden, nicht aber in der weiteren Umgebung. Der Wegfall der Musikhochschule Trossingen und der dann nur „touristische Besuch“ der Nutzer der Musikhochschulakademie würde nicht nur die Region Trossingen wirtschaftlich direkt treffen und ausbluten lassen, sondern den gesamten beschriebenen Großraum.

Die Lehrenden und Studierenden der Musikhochschule Trossingen sind zusätzlich in unzähligen Musikvereinen in der Region als Dirigenten, Instrumentallehrer oder Registerführer aktiv und sind damit nicht nur als nicht hoch genug einzuschätzende Multiplikatoren tätig sondern gleichzeitig vor allem das Bindeglied zwischen Laien- und Profimusikern. Die Spitze befruchtet also die Breite und fördert damit den eigenen Nachwuchs in einem steigen Kreislauf. Schließlich sind die Musikvereine gerade im ländlichen Raum sehr stark vertreten und leisten einen äußerst wertvollen Beitrag zur kulturellen Bildung im ländlichen Raum. In einem Bundesland, das nicht - wie z.B. Bayern - über gesonderte Musikfachschulen verfügt, darf dieses Bindeglied nicht auch noch zusätzlich geschwächt werden. Der Laienmusik in Baden-Württemberg wird auf diese Weise ein Standbein weggezogen, welches eine unwiderrufliche qualitative aber auch quantitative Schwächung der bisherigen Vorzeigedisziplin, mit messbaren volkswirtschaftlichen Auswirkungen bedeuten würde. Hier einzusparen zeugt daher nicht von nachhaltig angelegter Planung, sondern von kurzfristigem und nicht an der Sache orientiertem Aktionismus.

Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, ist das einstige Stammland der Musik bald keines mehr und würde seine eigene Identität nachhaltig beschädigen.

 

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