Forum „Musik im Ringen mit Religion 1417 – 1517 – 2017“

Podiumsdiskussion in der Konstanzer Lutherkirche, Bild: W. Gulden

 

Im Rahmen einer von Hans Jaskulsky moderierten Podiumsdiskussion zum Thema „Musik im Ringen mit Religion 1417 -1517 – 2017“ bei den Tagen der Chor- und Orchestermusik 2017 ging es anlässlich des Doppeljubiläums Reformationsjahr und Konstanzer Konzil um die Entwicklung der Kirchenmusik bis hin zur Gegenwart.

Stefan Klöckner, katholischer Theologe, Musiker und Musikwissenschaftler, warf in seinem Impulsreferat zunächst die Frage in die Runde, ob nicht vielmehr die Religion im Ringen mit Musik sei. Kirchenmusik solle ja schließlich zur Wahrheit, zu Gott hinführen.

Zunächst sei der Gregorianische Choral der Maßstab gewesen, bis Luthers Kirchenlieder interkonfessionell sehr beliebt wurden. Wichtig sei bis heute neben Authentizität auch eine „Feierkompetenz“, wobei die häufig geforderte Niederschwelligkeit nicht gleichbedeutend sein dürfe mit generellem Niveauverzicht: „Ohne ästhetische Kompetenz hat man lauwarmes Wasser, das sich für eine nahrhafte Suppe hält!“

Für Pfarrerin Verena Grüter, die auch künstlerische Leiterin des interreligiösen Begegnungsfestivals Musica Sacra International in Marktoberdorf ist, ging es in erster Linie um ein Ringen um das rechte Verständnis des Menschen, wie Leib und Geist funktionieren und um die Frage, welchen Raum leib-seelische Zusammenhänge im kirchlichen Bereich haben. Sie betonte die performative Kraft der Musik, die den Körper anspreche.

Die Reformation sei stark auf das Wort bezogen gewesen, aber auch die Musik habe eine große Rolle gespielt. Insbesondere bei Luther , der eine selbstständige Gemeinde gewollt, das Singen zum Hauptmedium gemacht und „Frau Musica“ als die Verkörperung der Musik gefeiert habe. Auch säkulare Musik sei für Luther ein göttliches Geschenk gewesen. Calvin hingegen habe die performative Kraft der Musik zähmen wollen. Dennoch habe es sogenannte Hugenottenpsalter in Straßburg gegeben. Für Zwingli, eigentlich der musikalischste der drei Reformatoren, sollte der Gottesdienst ganz wortbezogen oder sogar schweigend sein.

Wenn man heute einen Blick auf lutherisch-reformierte Kirchen in anderen Teilen der Welt werfe oder an die Ökumene denke, so sei da ganz viel Musik zu finden, z.B. Gospel oder Tamilische Musik.

Msgr. Wolfgang Bretschneider, Organist, Musik- und Liturgiewissenschaftler, stellte zunächst eine These auf: „Kirchenmusik, die nicht mehr mit der Religion ringt, ist tot.“ Er referierte über die Rolle des 2. Vatikanums von 1963, das den Weg gewiesen habe von der Priesterliturgie hin zur Gemeindeliturgie. Hier habe ein entscheidender Paradigmenwechsel mit entsprechenden Konsequenzen für die Kirchenmusik stattgefunden. Bis zum 2. Vatikanum sei im katholischen Gottesdienst nur lateinisch und griechisch gesprochen worden und allein das Handeln des Priesters habe gezählt. Heute hingegen sind jede Sprache und jedes Instrument erlaubt und alles, was die Gemeinde tue,  gelte als wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes. Er zitierte Joseph Ratzinger mit den Worten „Gottesdienst bedeutet: Gott will dem Menschen dienen.“ Der Mensch höre, bedenke und antworte.

Heute existiere musikalisch eine Freiheit wie nie zuvor, sie werde nur nicht genützt, bedauerte Bretschneider. Er erzählte die Anekdote eines Atheisten, der nach der Matthäus-Passion ausgerufen habe: „Nun beginne ich zu ahnen, an welchen Gott die Christen glauben!“ Die Freude am Glauben müsse ebenso spürbar sein, wie das heutige Leben in all seinen Facetten und seiner Komplexität zum Ausdruck gebracht werden solle, damit Kirchenmusik glaubwürdig sei. Dazu benötige man faszinierende und hochkompetente Musiker.

Auch für Christian Fischer, Rektor der Hochschule für Kirchenmusik Tübingen, waren Vielfalt und Qualität die zwei entscheidenden Stichworte. „Egal, was man macht, es darf einfach sein, aber es muss Qualität haben und es muss authentisch sein, mit Überzeugung vorgetragen werden.“ Er verwies auf spirituelle Musik über den Gottesdienst hinaus aus Hoch- und Popkultur und empfahl den Dialog zwischen den Genres, das Vermitteln zwischen Milieus und das Ausprobieren neuer Formen wie den „Nachteulengottesdienst“.

Kantorin Bettina Strübel berichtete vom Interreligiösen Chor Frankfurt und dessen Psalmenprojekt. Die Konzertprogramme bestünden aus christlichen und jüdischen Vertonungen eines Psalm, die um parallele Koranverse ergänzt würden, teilweise würden sogar eigene Kompositionsaufträge vergeben. Von diesem Konzept überzeugt zeigte sich auch eine muslimische Sängerin des Chors: „In der Musik ist manches möglich, für das die Gesellschaft sonst noch nicht reif ist.“

Das interessierte Publikum bekam so einen intensiven Einblick in die unterschiedlichen Aspekte der Thematik. Bei aller Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und musikalischen Genres waren sich alle darin einig, dass Qualität und Authentizität die entscheidenden Kriterien für Glaubwürdigkeit darstellen.