Fünf Jahre musikalische "Kultur macht stark - Bündnisse für Bildung" der BDO

Bilder: Julia De Simone

 

Ein Instrument zu basteln ist kinderleicht: aus Alltagsgegenständen wie einer Dose, einem Stock und einer Schnur kann jedes Kind eine sogenannte „Stockivari“ herstellen, ähnlich dem indischen „Tumbi“. Das lerne jedes Kind gleich zu Beginn des Kurses Gruppenmusizieren, erklärte Projektleiter Dr. Herbert Scheying beim Auftaktkonzert der „Fest-Takte“ des Norddeutschen Zupforchesters (NZO) in Hamburg-Langenhorn. Im Rahmen des bundesweiten Tags der Musik zeigten die NZO-Youngsters, elf Fortgeschrittene aus dem Förderprogramm „Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung“ ihr Können, danach folgten verschiedene Kammermusikbesetzungen aus dem NZO, bevor schließlich alle gemeinsam unter der Leitung von Steffen Trekel den Höhepunkt des Abends gestalteten und dafür Standing Ovations ernteten.

Am darauffolgenden „Aktionstag“ konnten interessierte Kinder in Workshops Gitarren und Mandolinen ausprobieren, umrahmt von weiteren Konzerten, darunter die jungen Gitarren- und Mandolinenspieler des Bübila („Bündnis für Bildung Langenhorn“), der Chor des Bündnispartners Schule Neubergerweg und als krönender Abschluss das NZO unter der Leitung von Maren Trekel. Akkordeon, Cajon, Triangel, Kastagnetten, Xylophon und Tamburin ergänzten hierbei das Klangspektrum der Gitarren und Mandolinen, alle zusammen boten dem begeisterten Publikum ein buntes Programm.

Das Norddeutsche Zupforchester hat Grund zu feiern: Fast fünf Jahren lang haben sich die Musikerinnen und Musiker zusammen mit ihren Bündnispartnern Schule Neubergerweg und ella Kulturhaus Langenhorn in 34 verschiedenen Projekten dafür eingesetzt, bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen aus 35 Ländern die Freude am Musizieren zu vermitteln. Die Projekte wurden über die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung“ gefördert. Das Angebot für die insgesamt rund 900 Teilnehmenden reichte vom Vorstellen der Instrumente über Rhythmikkurse, Gruppenmusizieren und ein Musical bis hin zur Präsentation beim abschließenden Aktionstag.

Das 2012 ins Leben gerufene Programm „Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung“ ist mit einem Förderumfang von insgesamt 230 Millionen Euro über fünf Jahre das größte Förderprogramm des Bundes im Bereich der kulturellen Bildung. Ende 2017 läuft die erste Phase des Programms aus, eine zweite Phase über weitere fünf Jahre ist in Planung. Zielgruppe sind Kinder, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, deren Eltern arbeitslos sind oder zu wenig verdienen, um den Kindern das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen, denen aber vielleicht auch selbst der Zugang zu Kunst und Kultur fehlt. So wie aus dem Einzugsgebiet der Schule Neubergerweg, zu dem die „Essener Straße“ mit nachweislich hohem Förderbedarf gehört.

Die BDO ist von Anfang an einer der 34 Programmpartner bei "Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung". Sie hat unter dem Titel „Musikalische Bündnisse für Bildung“ ein breit gefächertes und niedrigschwelliges Angebot aus sieben Maßnahme-Konzepten entwickelt, um Kindern und Jugendlichen vor Ort altersgerecht musikalische Bildung zu vermitteln.  Seit dem Jahr 2013 wurden von ihr deutschlandweit rund 9.000 Kinder und Jugendliche mit einem durchschnittlichen Betrag von ca. 160 Euro pro Kopf gefördert, insgesamt wurden Fördergelder in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro weitergeleitet. (Stand März 2017)

Wie der Name schon sagt, basiert das Förderprogramm auf der Idee, dass ein Bündnis aus drei Partnern gebildet werden sollte.  So brachten im Beispiel des NZO die Bündnispartner u.a. Räumlichkeiten, Werbung und ehrenamtliche Betreuung ein. Die ehrenamtlich geführten Vereine erhielten von der BDO eine administrative Schulung, um die Bundesmittel korrekt verwalten und abrechnen zu können. Die BDO bemühte sich dabei, die Komplexität des Förderprogramms soweit wie möglich zu reduzieren und die Musikvereine organisatorisch zu unterstützen. Wohl dem, der wie das NZO einen Projektleiter wie Dr. Herbert Scheying hat – ein pensionierter Kinderarzt, der ehrenamtlich mit der Administration der Projekte praktisch eine Vollzeitstelle füllte.

Die Erfolge der musikalischen Bündnisse sind nicht allein in musikalischen Fortschritten zu bemessen: Viele Kinder, die sonst keinen Zugang zur Musik gehabt hätten, konnten hier das Musizieren in der Gruppe erlernen und waren begeistert von den Erfolgserlebnissen. Sie lernten dabei auch, aufeinander zu hören und Rücksicht zu nehmen. Selbst das jüngste Kind mit den geringsten Aufgaben ist für die Gruppe wichtig, das stärkt das Selbstwertgefühl und wenn mehrere Generationen miteinander musizieren, fühlen sich alle respektiert und zusammengehörig. BDO-Präsident Ernst Burgbacher resümiert: „Musikvereine sind einer der wichtigsten Träger musikalischer Bildung im außerschulischen Bereich. Durch die ‚Kultur macht stark’-Maßnahmen der BDO konnten sie der Zielgruppe ein so komplexes Gebiet wie das aktive Musizieren in Gemeinschaft erfahrbar machen und Begeisterung für die Musik wecken.“

Bei aller Dankbarkeit über die Möglichkeiten, die sich mit dem Förderprogramm boten, stimmen die Erfahrungen der musikalischen Bündnispartner darin überein, dass die Mittel knapp kalkuliert und die Betreuungsschlüssel optimiert werden könnten. Eine Honorarkraft kann mit 30 teilnehmenden Kindern in 15 Zeiteinheiten nicht das erreichen, was bei einer kleineren Gruppe (max. zehn Kindern) und wesentlich mehr Zeiteinheiten zu erreichen wäre. Kinder der Zielgruppe erfahren von zuhause häufig keine Motivation zum Üben, ein sorgsamer Umgang mit den Instrumenten, ja selbst mit Notenständern muss erst beigebracht werden. Da stellen sich Erfolge langsam ein, man benötigt Zeit, Geduld und viel Engagement, damit etwas daraus wird. Beim NZO war der Einsatz aller Beteiligten sehr hoch, auch über die musikalischen Einheiten für das Projekt hinaus. Sommerfeste im privaten Garten sowie Ausflüge trugen dazu bei, dass die Kinder sich angenommen fühlten, motiviert waren und sich entfalten konnten.

Ein einfaches Instrument zu basteln mag kinderleicht sein - das Spiel eines Instruments zu lernen, um mit anderen musizieren zu können, erfordert viel: zunächst einmal die Instrumente, auf denen die Kinder spielen, qualifizierte Lehrer, Räume, Noten und Notenständer– das alles kostet Geld.

Die zahlreichen hochengagierten Musikerinnen und Musiker haben mit vielen ehrenamtlichen Helfern bewiesen, dass sie gerne Kompetenz, Leidenschaft, Zeit und Geduld investieren, um allen Kindern- und Jugendlichen einen Zugang zur Musik zu ermöglichen. Man sollte sie nach Kräften weiterhin unterstützen.